„Wir singen schöner als Orpheus, als die Götter und die Musen selbst!“ – behaupten die neun Töchter des Pieros. Sie treten an zu einem Wettstreit gegen die Musen mit einem sechsstimmigen Madrigal und verlieren haushoch diesen Olympischen Song Contest. Doch nicht nur Nymphen und Musen musizieren: An der Schwelle zwischen Renaissance und Frühbarock hören wir den launigen Gesang der Amsel, der Eule, des Kuckucks und natürlich der Nachtigall. Diese rückt besonders ins Zentrum der Aufmerksamkeit mit Moritz Eggerts (*1965) Komposition Nacht.Tick.All. (2014). Dem Wortsinn des Titels nachspürend eröffnet der Komponist sein Werk mit einer ruhigen Nachtmusik, in die die Blockflöte „keck wie ein Vogel“ einfällt (Moritz Eggert) und somit den Start eines ausgelassenen Vogelstimmenfests markiert. In der zweiten Wortszene ,tickt‘ es dann völlig aus: Ruckartige Ellenbogenbewegungen des Blockflötisten, Flügelschlägen gleich, rhythmisches Fußstampfen und die Anrufung des romantischen Liebesvogels in zwanzig verschiedenen Sprachen werden zu einem kuriosen Zirkus, der schließlich abhebt und „mit einem Gefühl großer Weite“ (Eggert) im All als Sphärenmusik verklingt. Das Gezwitscher in polyglotter Anarchie leitet uns zum Pfingstfest. Der Heilige Geist kommt über die Jünger und inspiriert sie, in fremden Sprachen zu sprechen: „O welch ein selig Fest.“
In Feierlaune ist Seicento vocale in diesem sommerlichen Programm, das aus wenig gehörten bis zu 18-stimmigen Werken der Renaissance, des Frühbarock und der zeitgenössischen Musik besteht. Echo-Effekte entführen in die Höhlen der griechischen Nymphen, von überall her zwitschern Vogelstimmen wie spät am Sommerabend, Engel singen einander zu wie im berühmten Markusdom, der Inspiration gab zur venezianischen Mehrchörigkeit.
Das Programm ist maßgeschneidert auf das Zusammenspiel mit dem renommierten Blockflötisten Max Volbers, der auf virtuose Weise die Singstimmen umrankt, umgarnt und überflügelt. Die selten gehörte Kombination aus Vokalensemble und verschiedenen Blockflöten hat ihren Ursprung in einer improvisierten Musizierpraxis, bei der einzelne Singstimmen instrumental variiert wurden. Als ,special guest‘ auf unserem Vogelstimmenfest erhöht Max Volbers das Tempo enorm und erweitert das Klangspektrum mit verblüffender Leichtigkeit.
Moritz Eggert formuliert beim Nachdenken über unsere Interpretation seiner Musik:
„Ticken in der Nacht? Weltraum? Vogelallegorie? All dies sind mögliche Interpretationen des Titels, aber wie in allen meinen Werken geht es mir vor allem um das Zelebrieren der menschlichen Fantasie im Kontext unseres Staunens über die Welt. Sprache entstand aus Naturlaut – wann genau sie zur ,Sprache‘ im menschlichen Sinne wird, bleibt ein Geheimnis, denn auch Tiere kommunizieren auf Weisen, die wir nur ansatzweise verstehen. Musik ist vielleicht der Schlüssel zu einem Verständnis dieser Sprache – und Seicento vocale und Max Volbers sind dabei die besten Türöffner, die ich mir für mein Werk vorstellen kann!“