Ist das Monströse die permanente Veränderung?
»6000 Meter. Ein Koloss ruht im Hadal, an der tiefsten Stelle, kein Sonnenlicht. Sein Körper hat dieselbe Struktur wie der Meeresboden.«
Jan und Katja sind ein ganz normales Paar, zumindest waren sie das bisher. Gut, Jan kann nachts oft nicht schlafen, weil er etwas im Verborgenen wittert, etwas Monströses. Und Katja? Die schnarcht und knackt im Schlaf und scheint zunehmend mit sich selbst beschäftigt. Auch das ist neu. Doch: Sie funktionieren. Dann hält Katja den Atem an, ganz buchstäblich und im übertragenen Sinne. Sie möchte nicht mehr angefasst werden, weist Jan zurück, entgleitet ihm. Sie beginnt, sich zu verändern. Jan hingegen klammert sich an das Vertraute, an gemeinsame Gewohnheiten. Eine Reise ans Meer könnte die Lösung sein! Doch hier ist alles anders als erwartet. Woher kommen die Kritter? Was hat Katja mit der Meduse und der Tiefsee zu tun? Was bedeutet das für ihre Beziehung, was sind Grenzen, was wird fluide? Zwischen beiden öffnet sich eine Schwelle: Während die eine sich verwandelt, kommt der andere nicht mit und tut sich schwer, Veränderung anzunehmen, will an dem festhalten, was einmal war.
Koloss kreist um das Monströse: um Verwandlung, Schwellenzustände, Begehren, das Abnorme, das Unbewusste und das Bewusste. Ist das Monströse die permanente Veränderung – die Erfahrung, sich selbst als dem ewig Anderen zu begegnen? Oder liegt es im Festhalten an einer festen Kernidentität, im Nicht-Fluiden? Und: Was ist der Koloss im Raum – unter Wasser?
Die Artists in Residence des Bielefelder Studios – die Komponistin Zara Ali, die Autorin Sina Ahlers und die Medienkünstlerin Katharina Mänz – arbeiten seit der Spielzeit 2024/25 an einer gemeinsamen Stückentwicklung und erforschen dabei das spartenübergreifende Arbeiten: das Ineinandergreifen von Text, Musik und Medienkunst, von Darstellenden unterschiedlicher Disziplinen. Daraus entsteht eine eigenständige Kreation aus Sprache, atmosphärischer und vielschichtiger Musik zwischen Elektronik, Instrumentalem und Klang sowie Medienkunst, die auch das Visuelle von Beginn an mitdenkt.
Regisseur Nick Westbrock setzt diesen Prozess mit seiner Inszenierung auf der Bühne fort – als künstlerischen Abschluss und zugleich als Wegmarker hin zu einem transformativen Theater – und vielleicht auch zu einer grenzenloseren Gesellschaft.